steht unter der Leitung des Universitätsklinikums Heidelberg

Das Ziel des Teilprojekts 2 besteht in der Identifikation psychosozialer Risiko- und Schutzfaktoren, um differenzierte Erklärungsmodelle für die Entstehung von Radikalisierungstendenzen und antisemitischen Einstellungen bei Jugendlichen zu entwickeln. Darauf aufbauend sollen in Zusammenarbeit mit anderen Teilprojekten ressourcenorientierte schulische Präventionsstrategien abgeleitet, weiterentwickelt und bestehende Ansätze evaluiert und optimiert werden.
Im Zentrum der Studie steht das Konzept der Mentalisierungsfähigkeit. Es bezeichnet die Fähigkeit, eigenes und fremdes Verhalten als Ausdruck innerer Zustände, wie etwa Gedanken, Gefühle oder Absichten, zu begreifen (Fonagy et al. 2023). Eine ausgeprägte Mentalisierungsfähigkeit wirkt als Schutzfaktor gegen affektive Überwältigung und ideologische Vereinfachung, da sie dabei hilft, Ambiguitäten und Mehrperspektivität auszuhalten (vgl. Hausschild et al. 2023). In diesem Forschungsrahmen wird Mentalisierungsfähigkeit somit als zentraler Vermittlungsmechanismus betrachtet, der den Zusammenhang zwischen individuellen Belastungserfahrungen, persönlichen Ressourcen sowie sozialen Kontextfaktoren und der Ausbildung antisemitischer oder radikalisierter Einstellungen erklärt. Wie vorangehende Forschungsergebnisse zeigen, können Jugendliche mit einem hohen Mentalisierungsvermögen emotionale und identitätsbezogene Spannungen differenzierter verarbeiten und sind daher weniger anfällig für dichotome Weltbilder oder kollektiv entlastende Feindprojektionen. Die Mentalisierungsfähigkeit spielt darüber hinaus auch bei kollektiven Identitätsprozessen eine Rolle: Sie ermöglicht es, Dynamiken von Gruppenzugehörigkeit, Ausgrenzung und Loyalität zu reflektieren, statt sie unbewusst affektiv auszuhandeln. Eine ausreichende Mentalisierungskompetenz fördert die Fähigkeit, Gruppenloyalität und individuelle Autonomie zu integrieren, ohne dass Zugehörigkeit durch die Abwertung anderer konstruiert werden muss. Gerade in sozialen Kontexten, in denen kollektive Identität über ideologische Homogenität oder Feindbilder stabilisiert wird, wirkt Mentalisierungsfähigkeit deeskalierend und konfliktvermittelnd – und stellt somit einen zentralen Ansatzpunkt präventiver Bildungsarbeit dar (vgl. Brauner et. al. 2023).
Brauner, F., Fonagy, P., Campbell, C., Griem, J., Storck, T., & Nolte, T. (2023). “Trust me, do not trust anyone”: how epistemic mistrust and credulity are associated with conspiracy mentality. Research in Psychotherapy: Psychopathology, Process, and Outcome, 26(3), 705.
Fonagy, P., Gergely, G., Jurist, E. L., & Hepworth, M. (2023). Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Stuttgart: Klett-Cotta.
Hauschild, S., Kasper, L. A., Berning, A., & Taubner, S. (2023). The relationship between epistemic stance, mentalizing, paranoid distress and conspiracy mentality: an empirical investigation. Research in Psychotherapy: Psychopathology, Process, and Outcome, 26(3), 706.
Die Studie basiert auf quantitativen und qualitativen Erhebungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 16 bis 22 Jahren. Konzeptioneller Ausgangspunkt des Projekts ist die Annahme, dass Jugendliche sich entwicklungsbedingt häufig in Identitätskonflikten befinden, da die Adoleszenz eine zentrale Phase der Identitätsbildung und Selbstverortung darstellt. In dieser Lebensphase werden bestehende Werte, Zugehörigkeiten und Loyalitäten typischerweise einer kritischen Überprüfung unterzogen, infrage gestellt und neu integriert. Dies betrifft insbesondere politische und gesellschaftliche Einstellungen, Deutungen von Gerechtigkeit und Ungleichheit sowie Fragen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Ausgrenzung. Unter Radikalisierung verstehen wir die zunehmende Hinwendung zu einer extremistischen Denk- und Handlungsweise und die wachsende Bereitschaft, zur Durchsetzung von eigenen Zielen illegitime Mittel, bis hin zur Anwendung von Gewalt, zu befürworten, zu unterstützen und/oder einzusetzen (Bundeskriminalamt, 2025)
Vor diesem Hintergrund können radikale Weltbilder und antisemitische Deutungsmuster für Jugendliche eine scheinbar sinnstiftende, ordnende oder identitätsstabilisierende Funktion erfüllen, indem sie komplexe gesellschaftliche Konflikte vereinfachen und klare Freund-Feind-Zuschreibungen anbieten.
In unserer Forschung adressieren wir unter anderem folgende Fragestellungen :
• In welchem Ausmaß lassen sich Radikalisierungstendenzen und/oder Formen des Antisemitismus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen empirisch nachweisen?
• Welche psychosozialen Risiko- und Schutzfaktoren – etwa familiäre Erziehungsstile, Erfahrungen gruppenbezogener Diskriminierung und Zugehörigkeit sowie epistemisches Misstrauen – stehen in Zusammenhang mit der Ausprägung radikaler und antisemitischer Einstellungen?
• Inwiefern fungiert die Mentalisierungsfähigkeit als potenzieller Mediatoren zwischen individuellen Belastungs- bzw. Risikofaktoren und der Entwicklung radikaler sowie antisemitischer Einstellungsmuster?